Was haben ein Flohmarkt in Split, eine Solaranlagen-Initiative an der irischen Küste und ein Freiwilligenzentrum in Magdeburg gemeinsam?

Jede dieser Geschichten zeigt auf ihre Weise, wie ganz normale Menschen Gemeinschaften aufbauen, die mehr aushalten. Jetzt sind sie zwischen zwei Buchdeckeln versammelt. Das REAL-Projekt hat gerade ein neues Best-Practice-Handbuch veröffentlicht – „Resilienz über Grenzen hinweg" – mit 15 Geschichten aus sechs europäischen Ländern darüber, wie Ehrenamt, Zusammenarbeit und lokales Engagement Gemeinschaften widerstandsfähiger machen. Nicht nur, wenn eine Krise eintritt, sondern im Alltag, der ihr vorausgeht.

Das Handbuch entstand im Rahmen des Erasmus+-Projekts REAL – Resilience, Empowerment and Active Leadership –, in dem Vestre Aker Frivilligsentral der norwegische Partner ist, gemeinsam mit Organisationen aus Irland, Rumänien, Deutschland, Kroatien und Belgien. Die Geschichten sind in drei Themen gegliedert: ökologische Nachhaltigkeit, soziale Inklusion und Solidarität sowie Krisenvorsorge. Hier einige Kostproben.

Umwelt: gemeinsam anbauen, teilen und reparieren

Im irischen Küstenstädtchen Kinsale finden Sie die allererste „Transition Town" der Welt. Was vor rund 20 Jahren als Permakultur-Kurs begann, ist zu einer Saatgutbibliothek in der örtlichen Bücherei gewachsen, zu einem Gemeinschaftsgarten für 90 000 Euro, zu Solarprojekten, die Nachbarn gemeinsam verfolgen, und zu einem eigenen Recyclingsystem für Kaffeebecher. Das ist Vorsorge in der Praxis – nicht weil es in einem Notfallplan steht, sondern weil Menschen lernen, gemeinsam anzubauen, zu teilen und zu reparieren.

Weiter südöstlich in Europa verbindet das Mobilitätsnetzwerk CIVINET mehr als 230 Städte und Organisationen in sechs Ländern, um den Verkehr grüner und Städte lebenswerter zu machen. Und im rumänischen Cluj-Napoca gründete Cami Gui mitten in der Pandemie die Bewegung Nachhaltiges Cluj – ohne fertige Strategie, aber mit einer einfachen Idee: „Ich wollte einfach Menschen zusammenbringen, denen etwas am Herzen liegt, und sehen, was daraus entsteht."

Solidarität: niemand bleibt zurück

Jeden Dezember seit dem Jahr 2000 füllt der humanitäre Flohmarkt „A di si ti?!" die Straßen des kroatischen Split. Tausende Bürgerinnen und Bürger, Schulkinder, Künstler und Unternehmen spenden, verkaufen und sammeln für die Obdachlosen der Stadt. Menschen melden sich Monate im Voraus an – der Markt ist Teil der Identität der Stadt geworden und ein Beweis dafür, wie weit Solidarität tragen kann.

Auch Norwegen ist dabei. Das Handbuch erzählt vom Norwegischen Frauengesundheitsverband, der seit über 130 Jahren durch Fürsorge, Gesundheitsarbeit und lokale Organisation Vorsorge aufbaut, und vom Thinktank „Ja til eldre" in Bogstad. Letzterer erinnert uns an etwas Wichtiges: Ältere Menschen sind nicht nur eine Gruppe, um die sich die Gesellschaft kümmern muss. Sie sind auch eine Ressource, mit Erfahrung, Netzwerken und Urteilsvermögen, die die Gemeinschaft braucht.

Krisenvorsorge: was im Stillen aufgebaut wird

Aus Irland kommt eine Geschichte, die im Gedächtnis bleibt: Eine Lehrerin, die gerade einen Erste-Hilfe-Kurs beim Roten Kreuz besucht hatte, nutzte das Gelernte noch am selben Abend, um ihr eigenes Kind zu retten, während sie auf den Krankenwagen wartete. Das Irische Rote Kreuz stärkt 72 lokale Ortsverbände im ganzen Land durch genau diese Art von Alltagsvorsorge – Training, Vertrauen und Menschen, die ihre Nachbarschaft kennen.

Im deutschen Magdeburg war das Freiwilligenzentrum seit 2005 bei jeder einzelnen Krise präsent – von der Flüchtlingssituation 2015 über Hochwasser bis zum Krieg in der Ukraine. Das Geheimnis ist nicht, die Arbeit der Rettungsdienste zu übernehmen, sondern eine neutrale Anlaufstelle zu sein, die spontane Freiwillige mit echten Bedürfnissen verbindet. Einmal nahmen sie eine große Spende an Koffern von Aldi entgegen, für Menschen auf der Flucht.

Und vom Norwegischen Roten Kreuz in Vestfold stammt vielleicht der wichtigste Satz des gesamten Handbuchs: Resilienz wird vor der Krise aufgebaut, nicht während ihr.

Resilienz entsteht nicht über Nacht. Sie wird durch Vertrauen, Ausdauer und die täglichen Beiträge von Freiwilligen, Organisationen und Gemeinschaften kultiviert.

Keine einzige Antwort – aber zwölf gute Ratschläge

Das Handbuch bietet kein fertiges Rezept, das überall passt. Stattdessen schließt es mit zwölf konkreten Empfehlungen aus der Erfahrung der Organisationen selbst: Beginnen Sie damit, den Bedürfnissen der Gemeinschaft zuzuhören, bauen Sie auf lokaler Eigenverantwortung auf, sichern Sie die Finanzierung aus mehreren Quellen, kümmern Sie sich um Ihre Freiwilligen, arbeiten Sie sektorübergreifend zusammen – und bereiten Sie sich auf Krisen durch das vor, was Sie im Alltag tun.

Zusammen zeichnen die 15 Geschichten das Bild eines Europas, in dem Resilienz kein einziger großer Plan ist, sondern viele kleine Handlungen, die im Laufe der Zeit zu einem System werden. Man erkennt sich leicht darin wieder – und lässt sich leicht inspirieren.

Die 15 Geschichten lohnen sich in voller Länge. Laden Sie das vollständige Handbuch „Resilienz über Grenzen hinweg" hier herunter.

Teilnehmende beim REAL-Treffen in Rumänien
Gespräch und Gruppenarbeit beim REAL-Treffen in Rumänien
REAL-Partner bei der Arbeit in Rumänien
Momentaufnahme vom REAL-Treffen in Rumänien